| Aktive Gefaess -Trainingstherapie |
| Die sog. "Schaufensterkrankheit" zwingt den Patienten mit
Durchblutungsstörungen der Beine dazu, nach einer bestimmten Gehstrecke
stehenzubleiben, um der Muskulatur eine Erholungsphase zu gönnen.
Ursache dieser Erkrankung sind hochgradige Verengungen bzw. Verschlüsse der Schlagadern, die das in der Lunge mit Sauerstoff beladene Blut vom Herzen in die Organe bzw. die Muskulatur transportieren. Fehlt dieser Sauerstoff für die Muskelarbeit oder kommt er nicht in ausreichender Menge an, so führt dies zu einer belastungsabhängigen Einschränkung der Muskelfunktion. Diese äussert sich in Schmerzen, die ähnlich dem bekannten Muskelkater oder auch in Form von Muskelkrämpfen auftreten können. Ort der Schmerzen ist sehr häufig die Wade. Abhängig von der Lokalisation der Verengungen bzw. der Verschlüsse der Schlagadern können diese belastungsabhängigen Schmerzen aber auch in anderen Muskel- und Gewebsbezirken auftreten. Neben
medikamentösen und gefäßchirurgischen Massnahmen sollte
immer auch das Gehtraining ein wesentlicher
Bestandteil der Therapie von Durchblutungsstörungen sein.Entweder
als alleinige Maßnahme bei einem noch nicht sehr fortgeschrittenem
Stadium der Durchblutungsstörung bzw. als Ergänzung und Vermeidung
weiter Schäden nach gefässchirurgischen Eingriffen.
Krankengymnastische Übungsbehandlungen Die Ziele
und Behandlungsformen der krankengymnastischen Übungsbehandlungen
richten sich nach der Stadieneinteilung von Fontaine (siehe auch " Gefässchirurgie
gegen Beinamputation").
Einteilung der verschiedenen
Stadien der Durchblutungsstörungen nach Fontaine Im Stadium
I sind in der Regel keine krankengymnastischen Übungsbehandlungen
notwendig. Das Hauptarbeitsgebiet für die krankengymnastischen Behandlungen ist das Stadium II a und II b der AVK (schmerzfreie Gehstrecke über bzw. unter 150 m). Ziel der konsequenten Übungsbehandlung ist letztlich die natürlichen Kompensationsmechanismen des Körpers anzuregen und voll auszunutzen. Diese Mechanismen können wie folgt aufgegliedert werden: 1. Steigerung der Blutzufuhr zu den minderdurchbluteten Gewebsarealen: Bei Verschluß einer oder mehrerer Hauptgefässe muß der Blutstrom über kleinere und kleinste Nebenarterien, sog. Kollateralen, in die nicht mehr direkt versorgten Gewebsbezirke gelangen. Dies ist selbstverständlich mit einem Verlust von Blutdruck und Blutvolumen verbunden. Nach Verschluß einer wesentlichen Schlagader (z.B. Arteria femoralis superficialis, oberflächliche Schlagader des Oberschenkels) ist die maximale Erweiterung dieser sog. Kollateralen in der Regel nach etwa ein bis eineinhalb Jahren erreicht. Ein Ziel der Übungsbehandlung ist eine Verbesserung der Herzleistung; die dadurch erreichte Erhöhung des Herzminutenvolumens bewirkt einen Anstieg des systolischen Blutdruckes in Abhängigkeit von der Belastungsintensität und damit eine Erhöhung des Blutdruckes und des Blutvolumens in den Kollateralkreisläufen. Die Verbesserung der Herzleistung und das Training der Kollateralkreisläufe bewirkt eine Verbesserung von Haut- und Muskeldurchblutung. Diese Vorgänge nützen die noch vorhandenen restlichen Durchblutungsreserven des Gewebes aus. 2. Zelluläre, den Sauerstoff- und Nährstoffbedarf senkende Mechanismen. Durch
gezieltes Training wird die Muskulatur und das Gewebe unterhalb des Gefässverschlusses
immer wieder bewußt in eine Minderversorgung mit Sauerstoff und
Nährsubstraten gebracht. Je häufiger dies der Fall ist, um so
schneller ändert sich das Enzymmuster der Zelle, um eine bessere
Sauerstoffausschöpfung und eine höhere Toleranz gegenüber
einer längeren Sauerstoffminderversorgung zu erreichen.
Die Optimierung
der Muskelkoordination und die Beseitigung von Muskelverspannungen und
Bewegungseinschränkungen von Gelenken fördert die Effektivität
der Muskelarbeit und natürlich auch, nicht zu vergessen, die Funktion
des Venen- und Lymphsystems, welche die Drainagefunktion übernehmen.
Techniken der krankengymnastischen Übungsbehandlung 1. Aktive Techniken. Die aktive
Bewegunstherapie ist die wesentliche Grundlage der krankengymnastischen
Übungsbehandlungen, die vom Patienten erlernt und dann regelmäßig
und konsequent in Eigenregie zu Hause durchgeführt werden müssen.
Intervallgehtraining: zu Beginn des Gehtrainings wird zunächst die schmerzfreie Gehstrecke ermittelt, wobei ein definiertes, reproduzierbares Gehtempo vorgegeben sein muß. Das Training sollte dreimal täglich durchgeführt werden und ca. drei bis vier Belastungsintervalle mit entsprechenden Pausenintervallen betragen. Der gesamte Zeitaufwand für das Gehtraining liegt somit etwa bei 20 bis 30 min. pro Tag, verteilt auf drei bis vier Trainingseinheiten. Das Gehtraining wird vom Patienten mit Hilfe der Krankengymnasten erlernt und dann zu Hause konsequent fortgesetzt. Ratschow'sche Rollübungen: Zu Beginn wird zunächst in Rückenlage bei hochgehaltenen Beinen eine Rollbewegung oder ein Auf- und Abbewegen des Beines etwa 1 x pro Sekunde durchgeführt, bis ein Waden- oder Fußschmerz auftritt. Das Dauertraining wird dann z. B.mit zwei Dritteln dieser Maximalbelastung durchgeführt. Danach setzt sich der Patient hin, läßt die Beine locker hängen und hält ein Pausenintervall von 3 bis 5 min. ein. Analog zum Gehtraining sollten auch hier drei bis vier Trainingseinheiten hintereinander durchgeführt werden. Zehenstandsübungen:
Zunächst wird die maximal mögliche Belastung bis zum Auftreten
von Schmerzen ausgetestet. Der Patient steht mit parallel ausgerichteten
Beinen und Füßen. Es erfolgt pro Sekunde ein Zehenstand, danach
werden die Vorfüße soweit wie möglich hochgezogen, d.h.
der Patient steht nur auf der Ferse. Dieses wird ebenfalls fortgeführt,
bis Waden- oder Fussschmerzen auftreten und die Übungen dann mit
zwei Drittel der Gesamtbelastung analog zu den vorhergehenden Übungen
durchgeführt. Die Pausenintervalle sollten ebenfalls im Sitzen mit
locker herabhängenden Beinen erfolgen. Kniebeugen: Kniebeugen sind sinnvoll bei Patienten mit Verschlüssen im Beckenbereich, da die Durchblutung der Gesäss- und Oberschenkelmuskulatur von diesen Gefässbezirken abhängt. Bei den Kniebeugen ist die Ausgangsposition der normale Stand mit parallel gestellten Beinen und Füßen. Wie bei den übrigen Übungen sollte eine Kniebeuge pro Sekunde erfolgen. Nach Austestung der Maximalbelastung werden die Übungen ebenfalls mit zwei Drittel der maximal möglichen Kniebeugen durchgeführt. Die Pausenintervalle betragen etwa 2 bis 3 min. Radfahren: Auch diese Belastungsform ist vor allen Dingen bei Verschlüssen im Beckenschlagaderbereich sinnvoll, da die Beckenmuskulatur, Gesässmuskulatur und Oberschenkelmuskulatur stark beansprucht wird. Am einfachsten sind die Belastungsformen hier auf einem sog. Heimtrainer-Fahrrad zu dosieren, wobei hier zusätzlich die Pulsfrequenz gemessen werden kann.
In der
Regel wird die individuelle Trainingstherapie kombiniert mit einer allgemeinen
Gymnastik, meistens in Gruppen, die häufig ein Bewegen bzw. Schwimmen
in temperiertem Wasser beinhaltet. 2. Passive Techniken. Passive Maßnahmen sind vor allen Dingen am Anfang einer Therapie sinnvoll und werden somit in der Regel in den initialen stationären Aufenthalt, bei dem der Patient das durchzuführende Training erlernt, integriert. Zum passiven Behandlungsrepertoire gehören die klassische Massage zur Therapie von Muskelverspannungen und die Bindegewebsmassage, welche eine Herabsetzung des Sympathicotonus und damit eine Verbesserung der Hautdurchblutung bewirkt. Eine weitere Technik ist die sog. transiente therapeutische Okklusion, bei der abhängig von der Methode über eine bestimmte definierte Zeit eine komplette Unterbrechung der arteriellen Blutzufuhr mittels einer Staubinde erzeugt wird, die dann nach Ablassen der Staubinde eine überschießende Erwärmung, d.h. Durchblutung der betroffenen Extremität verursacht. In mehreren Studien konnte nachgewiesen werden, dass sich hierbei auch die schmerzfreie Gestrecke steigern läßt. Allerdings wurde in allen diesen Studien zusätzlich zu passiven Techniken immer auch ein aktives Gehtraining durchgeführt! Für die insgesamt wesentlich
seltener auftretenden Durchblutungsstörungen der Arme gilt
im Prinzip dasselbe, wie für die der Beine. Die Übungs- und
Belastungsformen werden entsprechend modifiziert (statt Gehtraining wird
z.B. mit Gummibällen oder Handmuskeltrainern bzw. mit Hanteln gearbeitet).
Die notwendige Konsequenz, die mehrfach tägliche Behandlung und die
regelmäßigen Kontrollen durch die Krankengymnastin und den
behandelnden Arzt sind jedoch genauso notwendig. |
Inhalt,
Zahlen, Daten und Fakten (c) 2002 Prof. Dr. Stefan von Sommoggy
Veröffentlichungen nur mit schriftlicher Genehmigung, Konzept & Layout (c)
2002 Prof. Dr. Stefan von Sommoggy