LIEBE KOLLEGEN,
mehrfach wurde ich von interessierten Lesern des Beitrages angesprochen,
wie denn die praktische Durchführung genau aussieht, bzw. der Wunsch
geäußert, bei einer Implantation eines PII-Bypasses zu hospitieren.
Dies ist natürlich möglich, jedoch deshalb schwierig, weil die
Indikation immer recht kurzfristig gestellt wird und der Bypass nicht allzuhäufig
angewendet wird. Die Indikation habe ich ja ausführlich erläutert.
Deshalb nütze ich dieses Medium, um die Implantation nochmals genauer
zu erläutern und bildlich darzustellen:
Lagerung:
Seitenlagerung mit ventraler und dorsaler Stütze im Brustbereich.
So kann man den Tisch kippen, dass man immer bequem präparieren oder
auch tunnelieren kann.
Schnittführung:
Im medialen Drittel über dem dorsalen Kniegelenk in Höhe
der Condylen. Praktisch direkt neben der tastbaren Sehne des M. semimembranosus.
Bei Schnittführung genau medial muss man sich mit den Nerven auseinandersetzen,
die sonst einfach mit einem Roux-Haken mit langer Branche nach lateral
zur Seite gehalten werden. So wird auch eine druckbedingte Schädigung
des N. peronäus vermieden. Wenn ein Spreizer eingesetzt wird sollte
man darauf achten, die laterale Branche nur direkt unter der Faszie einzusetzen.
Präparation:
Meistens lässt sich die Arterien tasten und man präpariert
das Fettgewebe darüber vorsichtig ab. Manchmal sind Venenäste
aus den Gastrocnemius-Köpfen zwischen Ligaturen zu durchtrennen. Entsprechende
Arterienäste werden natürlich erhalten.
MAL AUSPROBIEREN !
Es ist wirklich ganz einfach und auch das tunnelieren ist nicht schwierig.
Die popliteale Anastomose ist kinderleicht.
„ DER TECHNISCHE TIP“ Gefässchirurgie (2000) 5:62
- 63
Der femoro-popliteale Bypass auf das P II Segment -
die vergessene Alternative?
Femoro-popliteal Bypass to the middle segment of the popliteal Artery
- the forgotten anastomotic site?
STEFAN VON SOMMOGGY
Einführung
Der femoro-popliteale Bypass auf das P I Segment ist ein gefässchirurgisches
Standardverfahren.
Die Indikation zum Bypass ist immer noch zum Teil umstritten, da prinzipiell
ein ausreichendes Potential zur Kollateralisierung über die Arteria
profunda femoris Kollateralen besteht ("innerer Bypass). Dazu müssen
jedoch zwei Voraussetzungen erfüllt sein: 1. ein ungehinderter arterieller
Einstrom in die Profunda femoris und 2. ein hinreichend gesundes P I Empfängersegment,
das die Kollateralen wieder aufnehmen kann.
Das notwendige aktive Gehtraining erfordert Mitarbeit und vor allem
Bereitschaft zu einem solchen Training durch den Patienten (eher selten
gegeben).
Bei dem Bypassverfahren werden sowohl bei Venenbypässen wie auch
bei Prothesenbypässen Fünfjahres-Offenheitsraten zwischen 55
und 75 % mitgeteilt.
Generell wird deshalb beim femoro-poplitealen Bypass auf das P I Segment
die Verwendung von Gefäßprothesen eher bevorzugt, um die Vene
für weiter peripher notwendige spätere Gefäßeingriffe
oder eine Koronarrevaskularisation zu erhalten.
In jeder gefäßchirurgischen Operationslehre oder in jedem
Buch über Gefäßzugänge ist der Zugang zur Arteria
poplitea im P II Segment beschrieben.
Trotzdem gibt es keine Literaturmitteilungen über größere
Serien mit Anschluss femoro-poplitealer Bypässe auf das P II Segment.
Eine entsprechende Literaturrecherche in Medline von 1984 bis 1999 blieb
ohne Ergebnisse.
Zurückzuführen dürfte dies darauf sein, dass, falls
der Zugang von medial her gewählt wird, eine erhebliche Traumatisierung
des Sehnen- und Bandapparates des Kniegelenks erfolgt ( Durchtrennung der
Pes anserinus-Sehnen, des M.semimembranosus und des medialen Kopfes des
M.gastrcenemius. Bei einem dorsalen Zugang wird zum einen die Umlagerung
des Patienten während der Operation von der Bauch- in Rückenlage
für notwendig gehalten, oder es wird eine Nervenverletzung des Nervus
peroneus durch intraoperative Traumatisierung befürchtet.
Die Vorgehensweise an die hier im Rahmen dieser Rubrik erinnert werden
soll, wurde in dem Buch "Zugangswege in der Gefäßchirurgie"
S.113 von K.H. Leitz (1) unter Zitat einer Arbeit aus dem Jahre 1956 von
Rob beschrieben (2). Allerdings war in dieser Arbeit von Rob kein Hinweis
auf die Technik zu finden.
Methode
Präeoperatives Angiogramm
Der Patient wird hierzu in eine Seitenlagerung gebracht.
Der Zugang zur Arteria poplitea erfolgt über einen dorsalen Zugang,
wobei die Schnittführung eher medialseitig unmittelbar lateral der
Pes anserinus-Sehnen erfolgt. Ob man nun einen geraden oder S-förmigen
Hautschnitt über das Kniegelenk macht, bleibt der eigenen Präferenz
überlassen. Medial liegt proximal der M. semimembranosus und weiter
distal der mediale Gastrocnemius-Kopf. Hier gehen oft venöse und arterielle
Seitenastgefässe von und in ihn ab, wobei die arteriellen Kollateralen
nach Möglichkeit geschont werden sollen. Die A. poplitea liegt am
tiefsten und muß von einer oder 2 Poplitealvenen abpräpariert
werden. Durch Einsetzen der lateralen Brache des Spreizers nur dicht unter
die Faszie wird die Verletzung des N.peronäus vermieden.
Der femorale Anschluss kann in Seitenlage mit einer Miniincision durchgeführt
werden.
Popliteale Anastomose
Insgesamt ist jedoch die Darstellung der Arteria poplitea und die Anastomosierung
ebenso einfach wie beim P I Bypass.
Auch die Tunnelierung des Bypasses bereitet keine Schwierigkeiten,
so dass der Eingriff von einem versierten Operateur ohne weiteres in weniger
als 60 min. durchgeführt werden kann (bei 2 Operateuren natürlich
noch schneller).
Diskussion
Der vermehrte Einsatz femoro-poplitealen Bypasses auf das PII Segment,
wie in der o. geschilderten Weise, erscheint sinnvoll.
Bei einem „gesunden Poplitealsegment“ mit entsprechend guter Aufnahmemöglichkeit
für Profunda-Kollateralen ist der P I Bypass eigentlich nicht indiziert.
Bei erkranktem P I Segment wiederum mit entsprechender kalzifizierender
Stenosierung der Profunda-Kollateralen ist das distale P I Poplitealsegment
oft nicht mehr ein ideales Anschlussgefäss für einen Bypass.
In der Progression der Gefässerkrankung ist das PI-Segment in der
Regel als nächster Gefässabschnitt und früher als das PII-Segment
betroffen.
Der Anschluss auf das P II Segment vermeidet wiederum die Biegebelastung
bei Kniegelenksflektion und die damit verbundenen Probleme, die die Offenheitsrate
von Prothesenbypässen gegenüber Venenbypässen infragenual
deutlich einschränkt.
Da jedoch in der heutigen Gefäßtherapie sehr frühzeitig
begonnen wird, bereits auch kleine Läsionen der Arteria femoralis
superficialis zu behandeln, mit Verfahren, die gegenüber dem Bypassverfahren
wesentlich schlechtere Offenheitsraten haben, wie Angioplastie bzw. zusätzliche
Stentimplantation, kann eine Indikationsausweitung für den femoro-poplitealen
Bypass durchaus überdacht werden.
Die Anlage eines Prothesenbypasses ist über Miniincisionen durch
zwei erfahrene Operateure in annähernd der selben Zeit möglich
wie eine Angioplastie und Stentimplantation mit deutlich besseren Langzeitergebnissen.
Als Prothesenmaterial (wenn nicht sowieso Vene Verwendung findet) erscheint
wegen der gegebenen Längselastizität entweder Dacron oder Gore
Stretch®, jeweils 8mm Durchmesser am günstigsten.
Bei korrekter Indikationsstellung (langstreckigem Femoralis superficialis
Verschluss, schlechter Profunda-Kollateralisierung und erkranktem PI-Poplitealsegment)
bietet der P II Anschluss Vorteile:
Die oberflächliche Lage des Gefäßes beim dorsalen Zugang
erleichtert die Übersicht und Anastomosierung deutlich. Bei medialer
Schnittführung und konsequenter Beachtung, dass die Spreizer lateralseitig
nur minimal unterhalb der Faszie eingesetzt werden, ist eine Peroneus-Beschädigung
sehr unwahrscheinlich. Die Tunnelierung des Bypasses in Seitenlagerung
ist nicht schwieriger als in Rückenlagerung.
Die spätere Erkrankung des P II Segments lässt günstigere
Offenheitsraten erwarten als beim P I Bypass. Eine postoperative Pulstastkontrolle
ist durch die oberflächliche Lage ebenso erleichtert wie die bei uns
routinemässig nach 3, 6, 12 Monaten und dann 6monatig durchgeführten
Farb-Duplex-Kontrolluntersuchungen mit Geschwindigkeitsmessung im Bypass
und exakter Anastomosendarstellung.
Das geschilderte Operationsverfahren wurde von Leitz (1) unter Zitat
von Rob (2) beschrieben und scheint weitgehend in Vergessenheit geraten
zu sein . Dieser "Technische Tip" soll den einen oder anderen dazu anregen,
diese Vorgehensweise zum PII -Bypass zu wählen, da in der täglichen
Praxis häufig Patienten mit einer dafür geeigneten Gefässmorphologie
vorkommen.
Die Anlage eines Registers zur prospektiven Beobachtung der Offenheitsrate
von P II Bypässen wäre wünschenswert und könnte interessierten
Kollegen an der hiesigen Abteilung angeboten werden.
Literaturverzeichnis:
1. Leitz KH (1981) Zugangswege in der Gefäßchirurgie, Springer,
Berlin, Heidelberg, New York
2. Rob CG (1956) Place of direct surgery in treatment of obliteration
arterial disease. Br Med J 1027
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