Infektionen und Hygiene in der Gefässchirurgie         Letzte Aktualisierung 
Hygienemaßnahmen in der Medizin nehmen seit der Entdeckung der Ursachen des Kindbettfiebers durch Ignaz Semmelweis Ende letzten Jahrhunderts einen hohen Stellenwert in der Medizin ein.
Gerade wegen der  Infektionsgefahren bei chirurgischen Eingriffen waren Chirurgen, wie Josef Lister, an der Erforschung und Weiterentwicklung von Hygienemaßnahmen entscheidend beteiligt.

Auf der Grundlage dieser Entdeckungen, die  durch Infektionsprophylaxe die Chirurgie auf ihrem heutigen Stand erst ermöglicht haben, sind im Laufe der Jahrzehnte eine Reihe von Hygieneregeln entwickelt worden. 
 
Ziel einer jeden Hygienemaßnahme und -regel ist es, den Patienten im Krankenhaus, vor allem auf operativen und auf Intensivstationen, vor einer zusätzlichen Krankheit, d.h. einer bakteriellen oder Viruserkrankung, zu bewahren. 

Im Falle einer solchen Infektion spricht der Mediziner von einer nosokomialen Infektion, d.h. einer während des Krankenhausaufenthaltes erworbenen Infektion. Nosokomiale Infektionen sind  wichtige Komplikationen der medizinischen Behandlung, verursachen  erhebliche   Probleme für die Patienten und   sind ausserdem durch zusätzliche Behandlungs- und Pflegemaßnahmen sowie Verlängerung der Verweildauer auch ein wesentlicher Kostenfaktor im Krankenhaus. 

Die Anwendung  prothetischer Gefässersatz-Materialien in der Gefässchirurgie, d.h. vor allem von Kunststoffgefässprothesen (aus Polyester oder Teflon), und der dadurch realisierbare partielle oder totale Gefäßersatz führte gerade in den letzten Jahrzehnten zu einer deutlichen Erweiterung der operativen Möglichkeiten aber natürlich damit auch  der infektionsbedingten Risiken. 
Die Entwicklung von biokompatiblen Kunststoffen ermöglichte in der Gefäßchirurgie bislang unerreichte operative Verfahren der Gefäßrekonstruktion. 
Die Gefahren infektionsbedingter Komplikationen und die therapeutischen Konsequenzen stellten eine neue Herausforderung für Gefässchirurgen durch eine in ihrer Dimension und Konsequenz bislang unbekannten Problematik dar. 

Eine systematische Analyse der Infektionsrisiken und therapeutischen Möglichkeiten als Voraussetzung für eine Vermeidung  setzen eine exakte Definition und Klassifikation der Infektionsstadien voraus. 
Prognostisch und therapeutisch entscheidend ist die Differenzierung zwischen oberflächlichen (relativ harmlosen) und tiefen (d.h. das Kunststoffmaterial mit einbeziehenden) Infektionen. Die  (glücklicherweise seltene) tiefe Gefäßinfektion mit Einbeziehung des Implantates bedroht essentiell das Leben oder die Gliedmaßen des Patienten und stellt eine therapeutische Herausforderung für den behandelnden Chirurgen dar. Eine lokalisierte Bypassinfektion muss aber nicht zwangsläufig dessen vollständige Entfernung zur Folge haben. 

Die Infektionsrate gefäßrekonstruktiver Eingriffe mit oder ohne Prothesenmaterial wird selbstverständlich durch zahlreiche Variablen beeinflusst, wie dem Ausmaß der Erkrankung, dem Allgemeinzustand des Patienten, den Begleiterkrankungen, dem Alter, dem Ausmaß der Vorschädigung des Gewebes, evtl. vorliegende Infekte etc. 
Eine Sammelstatistik von 16 Autoren mit insgesamt 26 539 ausgewerteten Operationen bestätigte die in anderen Untersuchungen gefundene Infektionsrate von ca. 2 % tiefer postoperativer Wundheilungsstörungen nach gefäßrekonstruktiven Eingriffen. 

Statistiken über Infektionsraten sind allerdings hinsichtlich ihrer Vergleichbarkeit aus folgenden Gründen kritisch zu bewerten:

1. Die Patientenkollektive unterscheiden sich teilweise erheblich hinsichtlich Alter, Stadium der Gefäßerkrankung und infektionsbegünstigender Risikofaktoren.

2. Der Anteil von Kunststoffimplantaten variiert bei den einzelnen Untersuchungen erheblich und ist nicht immer eindeutig gekennzeichnet. Art und Umfang eingebrachter Fremdmaterialien sind abhängig von der jeweiligen Operationstechnik und dem gefäßprothetischen Material, das in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche technischse Veränderungen erfahren hat. 

3. Postoperative Infektionskomplikationen sind teilweise unzureichend klassifiziert. Oberflächliche Infektionen werden teilweise von tiefen postoperativen Infektionen nicht klar getrennt.

Die Häufigkeit septischer Komplikationen wird transparenter, wenn eine Differenzierung der verschiedenen gefäßrekonstruktiven Verfahren und Methoden erfolgt. 
Dabei wird deutlich, dass 90 % aller tiefen postoperativen Infektionen nach Implantation gefäßprothetischer Kunststoffe zu erwarten sind. 
Wenig traumatisierende und in der Regel kurze Eingriffe, wie z.B. die lokale Ausschälplastik (TEA), sind nahezu ohne tiefgreifende Infektionskomplikationen. 
 

Die Überwachung und Dokumentation dieser nosokomialen Infektionen - die regelmäßige Erfassung von Infektionsdaten, ihrer Analyse und Auswertung mit dem medizinischen Personal - sind sehr wichtige Voraussetzungen für ihre Vermeidung. Als Ausdruck dessen wird ein demnächst erscheinendes Infektionsschutzgesetz sowie Anforderungen zur Qualitätssicherung nach dem Sozialgesetzbuch V in Kraft treten. 

Um in unserem Hause bzw. unserer Abteilung für Gefäßchirurgie eine entsprechende Dokumentation vorlegen zu können und um damit einen möglichst hohen Hygienestandard dokumentieren  zu können nehmen wir seit 1.1.1999 an einem Krankenhausinfektions-Surveillance-System des Nationalen Referenzzentrums für Krankenhaushygiene sowie des Robert-Koch-Institutes in Berlin (Nachfolger des Bundesgesundheitsamtes) teil. 

Dabei erfolgt der Aufbau einer Datenbank mit Daten aus Intensivstationen und operativen Stationen von insgesamt 120 im gesamten Bundesgebiet verteilten Krankenhäusern. 
Im Rahmen dieses Überwachungssystems werden von uns monatlich  aktuelle Daten unseres Krankenhauses per EDV nach Berlin geliefert. Wir erhalten von dort  dann halbjährlich die statistischen Auswertungen, sowie die aus der gesamten Datenmenge ermittelten Orientierungsdaten für unsere hausinterne Qualitätssicherung. Darüber hinaus stehen die Mitarbeiter des Robert-Koch-Institutes sowie des Nationalen Referenzzentrums für spezielle Fragen und falls nötig zur Problemberatung regelmäßig zur Verfügung; weiterhin werden jährliche Trainings- und Weiterbildungsveranstaltungen zu diesem Thema durchgeführt. 

Ziel der Erhebung ist einerseits über Jahre hinaus eine (bisher nicht vorhandene) Statistik und Dokumentation über im Krankenhaus auf operativen Stationen und Intensivstationen erworbenen Krankenhausinfektionen zu erstellen. 
Zusätzlich kann bei signifikant mehr beobachteten Wundinfektionen als bei den zum Vergleich herangezogenen Abteilungen anderer Krankenhäuser rechtzeitig eine Untersuchung und danach Optimierung der bisherigen Hygienemaßnahmen erfolgen. 
Für die Zukunft ist beabsichtigt, die durch das Surveillance-System erhobenen Orientierungsdaten regelmäßig zu publizieren, um anderen Kliniken, die nicht an dieser Erhebung teilnehmen aber nach denselben Methoden eine Überwachung durchführen, Anhaltspunkte für ihr hygienisches Management zu geben.

 

Inhalt, Zahlen, Daten und Fakten (c) 2002 Prof. Dr. Stefan von Sommoggy
Veröffentlichungen nur mit schriftlicher Genehmigung, Konzept & Layout (c) 2002  Prof. Dr. Stefan von Sommoggy