Gefässzugangschirurgie - Hämodialyse-Shuntchirurgie

Wahrscheinlich kann nur ein betroffener Patient selbst, ein Dialyse-Patient, ermessen was es bedeutet, einen sicheren Gefäßzugang zu haben, der die Durchführung der Blutwäsche (Hämodialyse) gewährleistet. 

Nur sie/er muss zwei- bis dreimal pro Woche die Punktion mit dicklumigen Kanülen erleiden. 
Das gesamte Wohlbefinden hängt von der erfolgreichen Durchführung einer effektiven Hämodialyse ab. 
Eine erhebliche psychische Belastung bedeutet schon die regelmäßig notwendige Zeit,"an der Maschine" . Ein immenserVerlust an Lebensqualität liegt in der Abstimmung der ganzen Lebensführung und Ernährungsweise auf die Erkrankung. 

Ein unzureichender Gefäßzugang führt zu wiederholten Eingriffen. 
Zur aktuen Wiederherstellung der Dialysierbarkeit ist häufig die Punktion von großen Körpervenen (meistens am Hals) notwendig  (mit   Schmerzen und  Krankenhausaufenthalten). Zusätzlich tritt als Spätkompliaktion häufig eine Stenose/Verschluß von zentralen Venen auf, der Shuntanlagen an den Armen unmöglich macht.

Wieviel shuntchirurgische Eingriffe pro Jahr sind erforderlich?
Bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 82 Millionen Menschen in der BRD beträgt die Anzahl der Dialysepatienten (Stand 6/94) 33.000. 
Hinzu kommen jährlich etwa 6.500 neue Dialysepatienten mit neu aufgetretener Niereninsuffizienz. Von den vorhandenen Dialyseshuntpatienten benötigen ca. 1.000 pro Jahr einen Revisionseingriff (auch hier ergeben sich natürlich jährlich entsprechende Zuwachsraten). 
Rechnet man die Zahl der notwendigen shuntchirurgischen Eingriffe auf das Jahr 1998 hoch so kommt man auf etwa 7.500 Shunteingriffe pro Jahr. Natürlich ist diese Zahl mit großen Fragezeichen zu versehen. 
Nach der Erhebungsaktion der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie von 1996 scheinen die Zahlen viel höher zu liegen. Die Umfrage bei etwa 1.500 Kliniken und 2.500 niedergelassenen Ärzten ergab eine Häufigkeit von AV-Fistel-Anlagen (Cimino-Fistel) von etwa 12.000 und von fast 4.000 Dialysezugängen aus Gefäßersatzmaterialien. Hier sind noch nicht einmal andere shuntchirurgisch tätige ärztliche Fachdisziplinen, wie Nephrologen und Internisten berücksichtigt.


Die Dimension von shuntchirurgischen Eingriffen beträgt etwa 16.000 pro Jahr in der BRD. 
Dies zeigt derzeit die erhebliche Bedeutung dieser gefäßchirurgischen Spezialdisziplin.

Gefäßzugangswege:
Günstigstes und dauerhaftestes Gefäß als Zugangsweg ist eine arterialisierte, d.h. eine mit einer Arterie verbundene, Vene. 
1966 wurde von Brescia und Cimino zum ersten Mal dieser Weg beschritten. Dabei wurde am Handgelenk die Arteria radialis mit der danebenlaufenden Vene (Vena cephalica) verbunden. Durch den erhöhten Druck im venösen Gefäß kommt es zu einer Aufweitung und einer Wandverdickung der Vene, die, weil es sich um ein biologisches Material handelt, praktisch fast unbegrenzt immer wieder punktiert werden kann. Die Punktionslöcher verschließen sich dabei zuerst durch Blutgerinnsel und heilen dann mit einer kleinen punktförmigen Narbe ab. 

Ausser an der klassischen Lokalisation am Handgelenk kann eine solche Verbindung von Arterie und Vene jedoch an anderen Körperstellen, z.B. auch in der Ellenbeuge, geschaffen werden, und die Entwicklung einer entsprechenden Dialyseshuntvene erlauben. 

Prothesenshunts:
Wenn die oberflächlichen körpereigenen Venen jedoch durch Punktionen und Injektionen "aufgebraucht" sind verbleibt in vielen Fällen häufig nur die Verwendung von Gefäßersatzmaterial, um ein arterielles Gefäß mit einem größeren, venösen Gefäß zu verbinden. Die häufigste Form ist in diesem Falle eine Schleife am Unterarm, wo meistens die Ellbeugenarterie mit der Ellbeugenvene verbunden wird. Die Verwendung von Gefäßersatzmaterial (Gefäßprothesen aus PTFE oder Dacron) haben jedoch erhebliche Nachteile. Da es ein Fremdmaterial ist, reizt es den Körper häufig zur Ausbildung von Stenosen. Diese Verengungen treten vorwiegend an der Verbindung zur Vene auf. Zusätzlich neigt das Kunststoffmaterial viel mehr zur Infektion als körpereigenes Gewebe. Schließlich wird durch die wiederholten Punktionen das Gefäßersatzmaterial sozusagen im Laufe der Zeit "aufgebraucht", da jede Punktion als kleines Loch das Material ausstanzt und somit einen kleinen Defekt hervorruft. 

Warum sind Gefäßzugänge zur Dialyse häufig so schwierig anzulegen und in ihrer Langzeitgebrauchsfähigkeit so unbefriedigend?
Hier wird bereits von Anfang an  viel "gesündigt." Durch unbedachte Injektionen und Punktionen werden schon bevor die Notwendigkeit eines Dialysezugangs gegeben ist, sozusagen brauchbare Venen "vernichtet". Vorzugsweise am nicht dominanten Arm, (also bei einem Rechtshänder am linken Arm) sollten die Venen für die spätere Anlage einer Dialysefistel geschont werden. Aus Unbedachtheit geschieht dies vielfach nicht. 

Eine zweite Problematik besteht darin, dass die Venen auch unzureichend gepflegt werden. Es ist durchaus möglich, durch ein Stautraining die Venen dazu zu bringen, dass sie sich bereits vor der Operation aufdehnen und genauso ist es ungeheuer wichtig, auch nach der Schaffung der Verbindung zwischen Arterie und Vene, ein regelmäßiges Stautraining der Vene durchzuführen. Nur bei einem Druck in der Vene von über 50 mm Hg kommt es zu einer entsprechenden Umwandlung und Aufweitung der Vene, die erst den brauchbaren Dialysezugang schafft. Dieses Stautraining wird, wenn überhaupt, meistens völlig unzureichend durchgeführt. Notwendig ist es, etwa sechs- bis siebenmal pro Tag eine venöse Stauung für jeweils 30 Minuten durchzuführen. 

Völlig unsinnigerweise wird immer wieder unter den Patienten die Angst verbreitet, durch ein Stauen der Vene könnte sich die Verbindung zur Arterie verschließen. Vielfach wird den Patienten geraten, den Arm zu schonen und ja nicht einmal dort den Blutdruck zu messen. Dies ist völliger Unsinn. Selbst ein komplett gestautes Gefäß verschließt sich üblicherweise nicht gleich, sondern erst nach längerer Zeit.
Bei einem Stauen, dass der Arterienpuls noch fühlbar ist, ist bei (gewünscht) erhöhtem Druck durchaus noch ein Fluss gewährleistet. 
Was die Schonung betrifft: Im Gegenteil sollte der Shunt-Arm sehr intensiv genutzt werden, da die verstärkte Muskelarbeit zu einem vermehrten Blutstrom in den Arm führt, damit eine Aufweitung auch des Blutzuflusses durch die Arterie bewirkt und die Dialyseshuntvene unter einen höheren erwünschten Druck setzt. Das Risiko eines Verschlusses wird dadurch vermindert und die Aufweitung der Vene wird begünstigt. 

Hämodialyseshuntchirurgie ist eine Kunst!
Auch hier werden viele Fehler gemacht. Da die Operation an der Körperoberfläche stattfindet und nur kleine Gefäße verbindet wird dieser Eingriff oft als Anfängeroperation betrachtet. 
Das Gegenteil ist der Fall: Hämodialyseshuntchirurgie ist eine Kunst für Erfahrene, die hohes, technisches gefäßchirurgisches Können verlangt und wo eine langjährige Erfahrung einer großer Vorteil ist. Welche Gefäßbezirke man zum Anschluss wählt und in welcher Form man eine solche Verbindung zwischen Arterie und Vene ausführt ist von ganz entscheidender Bedeutung. 
Selten gibt es einen gefäßchirurgischen Eingriff, bei dem auch kleinste Fehler so verhängnisvolle Auswirkungen haben und wo soviel exaktes Arbeiten verlangt wird. Der Eingriff muss unbedingt mit einer Lupenbrille durchgeführt werden, da nur sie das ganz exakte Setzen der Nähte auch an kleinsten Gefäßen ermöglicht. 

Essentiell nach dem operativen Eingriff ist, wie bereits vorher erwähnt, ein ganz konsequentes und intensives Stautraining der Dialysevene. Nur etwa drei bis vier Wochen nach der Anlage der arteriovenösen Verbindung ist die Vene in der Lage, sich zu dilatieren und aufzuweiten. 

Fehler in der Handhabung des Dialysezugangs.
Eigentlich nicht extra betont werden muss, dass eine äusserst sterile Handhabung bei der Punktion des Dialysezugangs eingehalten werden muss. Wünschenswert ist das Tragen eines Mundschutzes und von sterilen Handschuhen bei Durchführen der Punktion. Ebenso muss vorausgehend auf eine lang einwirkende Desinfektion des zu punktierenden Hautareals geachtet werden. 

Auch die Punktionstechnik selbst ist ganz entscheidend. Ein Dialysezugang muss über die ganze Strecke punktiert werden, damit die vorherigen Punktionslöcher die Möglichkeit haben zu verheilen. Dies gilt sowohl für eine arterialisierte Vene wie auch für Gefäßersatzmaterial. Man hat diese Technik der Punktion die Strickleitertechnik genannt, weil wie bei einer Strickleiter aufwärts und abwärts die Punktionen durchgeführt werden sollten. 

Leider wird im Gegensatz dazu sehr häufig das am einfachsten zu punktierende Gefäßareal benutzt. Diese Arealpunktion führt zu einer aneurysmatischen Aufweitung des Gefäßes oder im Falle von Gefäßersatzmaterial zu einer Zerstörung der Prothese in diesem Bereich. Sehr häufig ist es möglich, durch eine geschickte Punktionstechnik Gefäßareale, die sich nicht von selbst genügend erweitert haben, sozusagen "aufzupunktieren". In dem Bereich, wo die Punktionslöcher gesetzt werden wird die Vene weiter, so dass auch verengte Bezirke schließlich durch konsequentes Punktieren aufgeweitet werden können. 

Kostenerstattung für die chirurgische Leistung bei der Dialysezugangschirurgie
Dies ist ein trauriges Kapitel, da die Honorierung für solche Leistungen völlig unzureichend ist.
Selbstverständlich ist es wünschenswert, bei jedem auftretenden Problem sofort chirurgisch einzugreifen, um die Funktionsfähigkeit eines Dialysezugangs zu erhalten oder wiederherzustellen. 
Nur so werden die den Patienten quälenden Punktionen von Halsvenen vermieden, die überdies auch zu Gefäßverengungen im zentralvenösen Bereich führen können und so zusätzliche Probleme bereiten. 
Notfall und Akuteingriffe sind jedoch schwierig zu organisieren und bedeuten erhöhte Kosten, z.B. für Überstunden.
Kostenberechnungen ergaben z.B. für die Anlage einer sog. Cimino-Fistel (Verbindung der Handgelenksarterie mit der danebenlaufenden Vene) Gesamtkosten von DM 711,--.
Bei Verwendung von Gefäßersatzmaterial treten wegen der hohen Kosten für solche Prothesen Gesamtkosten von DM 3.040,-- auf. 
Bei  stationärer Behandlung müsste der Patient bei einer Cimino-Fistelzumindest zwei Tage im Krankenhaus sein  und sechs Tage für einen Prothesenshunt. Nur dann wird eine Kostendeckung über den Krankenhauspflegesatz erreicht. Asuus medizinischen Gründen ist es  nicht notwendig, dass die Patienten länger als einen Tag in der Klinik verbleiben. 
Noch kostenintensivere Behandlungsverfahren bestehen in der Aufweitung von Verengungen durch  Ballonkatheterdilatation (Angioplastie, PTA) oder durch das Einbringen einer Drahtstütze, einem sog. Stent. Auch diese Eingriffe können zusammen mit der dabei notwendigen Angiografie  ambulant durchgeführt werden, werden dann aber in keiner Weise ausreichend honoriert. 

Die richtige Schlussfolgerung wäre , alle Dialyseshunteingriffe als ambulanten Eingriff durchzuführen. 
Hier ist jedoch die Situation  genauso unbefriedigend. 
Die Anlage einer Cimino-Fistel wird als ambulanter Eingriff nach den derzeitig geltenden Werten mit ca. DM 190,-- entlohnt. 
Jeder Handwerker erhält für eine vergleichbare Arbeit und einen vergleichbaren Zeitaufwand mehr. 

Die Kostenerstattung für shuntchirurgische Eingriffe ist ein Skandal!

Die völlige Gleichgültigkeit der Kostenträger und des Gesundheitsministeriums gegenüber einer optimalen Versorgung von niereninsuffizienten Patienten kann man nur mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen. Was  jedoch wundert ist, dass auch nicht die betroffenen Patienten oder Selbsthilfeorganisationen, wie das Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation es schaffen, das Augenmerk der Öffentlichkeit auf diese Problematik zu lenken und  Abhilfe zu schaffen.

 

 

Inhalt, Zahlen, Daten und Fakten (c) 2002 Prof. Dr. Stefan von Sommoggy
Veröffentlichungen nur mit schriftlicher Genehmigung, Konzept & Layout (c) 2002  Prof. Dr. Stefan von Sommoggy